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siehe auch:

Engombe, Lucia: Kind Nr. 95. Meine deutsch-afrikanische Odyssee (2004). Zur Rezension

 

 

Stefanie-Lahya Aukongo:

Kalungas Kind. Wie die DDR mein Leben rettete

 

Eine bewegende namibisch-deutsche Lebensgeschichte

In ihrer Autobiographie „Kalungas Kind“ gewährt Stefanie-Lahya Aukongo dem Leser Einblicke in ihre bewegende - namibisch-deutsche - Lebensgeschichte. Das Massaker, das die südafrikanischen Streitkräfte im Mai 1978 im Flüchtlingslager Cassinga in Südangola anrichten und das hunderten von NamibierInnen das Leben kostet, überlebt sie im Mutterleib. Im September des Jahres kommt Stefanie-Lahya Aukongo im Klinikum Buch in Ostberlin zur Welt. Die schwerverletzte Mutter war zuvor im Zuge einer Solidaritätsaktion zur medizinischen Behandlung in die DDR ausgeflogen worden. Auch das Baby ist, wie sich herausstellt, von den Granatensplittern nicht unversehrt geblieben; es ist halbseitig gelähmt. Eine Pflegefamilie nimmt sich des Kindes an, doch werden Mutter und Tochter Anfang 1980 wieder nach Angola abgeschoben. Der Ost-Berliner Pflegefamilie Schmieder und ihres hartnäckigen Engagements ist es zu verdanken, dass das immer noch schwer kranke Kleinkind im Januar 1981 nach Berlin zurückkehren kann.

Bild: Stefanie-Lahya Aukongo mit ihren Pflegeeltern, der Familie Schmieder, in Ostberlin, 1979. (Foto: Aus dem bespr. Buch)

Beginnend mit den traumatischen Kriegserlebnissen der Mutter, berichtet das Buch von Kindheit und Jugend in der Hauptstadt der DDR, wo die elfjährige Stefanie-Lahya 1989 den Mauerfall erlebt. Noch heute ist sie dort zu Hause und erhält 1995 die deutsche Staatsbürgerschaft. Die große Solidarität, die ihr zuteil wird, ermöglicht es ihr, Schule und das Hochschulstudium des „Public Management und Public Governance“ zu absolvieren. Eindrücklich sind vor allem auch die Kapitel über die Reisen nach Namibia, ihre zweite Heimat. Aukongo verschweigt keinesfalls den Kulturschock beim Besuch der in Windhoek und im Ovamboland lebenden leiblichen Eltern und Großeltern. In einem Interview sagt sie: „Ich bin Kalungas Kind. Kalunga ist der Gott meiner Großmutter. Letztlich erzähle ich ja die Geschichte, wie ein großes Unglück geschieht, das aber Ausgangspunkt dafür war, dass ich lebe.“

Bild: Stefanie-Lahya Aukongo mit ihrem Vater vor dem Heroes Acre in Windhoek/Namibia, 2006. (Foto: Aus dem bespr. Buch)

Nicht unerwähnt bleiben rassistische Übergriffe, mit denen die junge Afrodeutsche konfrontiert ist. In einem Bus des öffentlichen Nahverkehrs in Berlin pöbeln weiße Fahrgäste Aukongo an: „’Guck mal, die da, die ist ja braun!’ (…) ‚Ich setze mich doch nicht neben eine Negerfrau!’“ (S. 189 f.). Bei alle dem ist es erstaunlich, mit welcher Souveränität und ohne jede Bitterkeit die Autorin ihr Schicksal schildert.

Stefanie-Lahya Aukongo gehört zu den vier aus Namibia stammenden Kindern, die seinerzeit in deutschen Pflegefamilien in der DDR Aufnahme fanden. Die Leitlinien des zuständigen Solidaritätskomitees sahen es nicht vor, dass namibische Bürgerkriegsflüchtlinge in DDR-Familien aufgenommen werden. Insofern gehört sie nicht zur Gruppe der „DDR-Kinder“ - insgesamt 430 -, die im Zuge des Kampfes der SWAPO um die Unabhängigkeit Namibias ab 1979 aus den Flüchtlingslagern in Angola und Sambia in die DDR gebracht wurden und die alle im Kinderheim Schloss Bellin im mecklenburgischen Güstrow und an der Schule der Freundschaft in Staßfurt bei Magdeburg aufwuchsen. Auch aus deren Reihen liegen bereits Erinnerungsbücher vor, etwa das von Lucia Engombe „Kind Nr. 95. Meine deutsch-afrikanische Odyssee“ (2004).
Mit dem Buch, das eine breite Leserschaft finden möge, setzt Aukongo ihren Pflegeeltern und all den Menschen ein Denkmal, die zu ihrem (Über-)Leben beigetragen haben. Es sind wahre Helden, von denen dieses Land mehr braucht.

Joachim Zeller

Stefanie-Lahya Aukongo: Kalungas Kind. Wie die DDR mein Leben rettete, Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 2009


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